Opfer

Von Opferrolle zur Opferbereitschaft

Ein stickiges Wartezimmer. Gequältes Husten. Die Patienten sitzen gelangweilt auf den Stühlen, manche von ihnen beschäftigen sich mit dem Smartphone.

Endlich ruft man meinen Namen auf und führt mich in ein Untersuchungszimmer. Nach zehn Minuten schaue ich auf die Uhr. Nun, das Wartezimmer ist voll.

„Nur Geduld!“, ermahne ich mich. Eine Stunde vergeht, dann zwei. Nun frage ich doch bei der Anmeldung nach.

„Es tut mir leid, Frau Neufeld, heute wird es leider nichts mehr.“

„Aber ich habe so lange auf den Termin gewartet!“, beschwere ich mich.

„Das verstehe ich. Wie wäre es, wenn Sie morgen früh wiederkommen und der Arzt versucht Sie dazwischen zu schieben?“, schlägt die Arzthelferin vor.

 

Am nächsten Morgen finde ich mich also erneut in dem überfüllten und stickigen Wartezimmer wieder. Namen werden aufgerufen, freigewordene Plätze sofort besetzt. Die Stunden vergehen. Mit Einbruch der Dämmerung leert sich auch das Zimmer zusehends. Schließlich bleibe ich allein. Hat man mich vergessen?

Erschrocken schaut mich die Arzthelferin hinter dem Thresen an. Gerade als sie zu einer weiteren Entschuldigung ansetzen möchte, öffnet sich eine Tür im Gang und der Arzt steht neben uns.

„Oh Frau Neufeld, Sie habe ich ja ganz vergessen! Es tut mir leid, dass Sie so lange warten mussten. Und das ganz vergeblich, denn ich kann für Sie leider nichts tun. Da müssen Sie zu einem Spezialisten….“

Hilflosigkeit übermannt mich. Gleich darauf kocht Wut in mir auf!

 

Klick klack – leises Geschirrgeklapper aus der Küche weckt mich aus dem unglückseligen Traum. Mein Mann bereitet das Sonntagsfrühstück vor.

Die Wut verebbt sofort, nur ein schaler Nachgeschmack von Hilflosigkeit bleibt einen Moment länger hängen. Der Traum war so real…

 

Denn die Realität lässt mich oft ebenso machtlos gegenüber äußeren Umständen oder anderen Menschen fühlen. Immer wieder führte dies in der Vergangenheit zu Jammern, Selbstmitleid und Schuldzuweisungen an Dritte. Ist es nicht sonderbar, dass man das Schwelgen in schmerzhaften Erlebnissen als tröstlich empfinden kann? Und warum genießt man sich in der Opferrolle, wenn man hingegen andere Menschen, die sich darin sehen, nicht als Gesprächspartner schätzt? Die Opferrolle aber ist doch so natürlich, verständlich oder logisch, wenn man solchen Umständen hilflos ausgeliefert zu sein scheint, nicht wahr? Insgeheim habe ich sie gern gespielt. Also erinnere ich mich:

Nein, ich bin kein Opfer. Ein Opfer leidet unschuldig, doch ich bin schuldig. Nur einer war tatsächlich schuldlos:

 

Jesus Christus!

 

Er hätte jeden Grund gehabt, die ‚Opferrolle‘ zu übernehmen. Das tat er auch, nur auf eine echte, todernste Weise: Jesus brachte sein heiliges Leben aus freien Stücken als vollkommenes und makelloses Opfer in völliger Hingabe an den Vater im Himmel dar!

Ihr wisst doch, dass ihr freigekauft worden seid von dem sinn- und ziellosen Leben, das schon eure Vorfahren geführt hatten, und ihr wisst, was der Preis für diesen Loskauf war: nicht etwas Vergängliches wie Silber oder Gold, sondern das kostbare Blut eines Opferlammes, an dem nicht der geringste Fehler oder Makel war –

das Blut von Christus.

» 1. Petrus 1,18-19 

Deswegen sind wir keine Opfer der Umstände, der Menschen, des Schicksals. Denn nach seinem Opfertod hat sich Jesus triumphierend auf seinen göttlichen Thron im Himmel gesetzt und herrscht souverän. Er beherrscht die Himmelskörper, die Erde und die Naturgewalten, genauso wie das Böse, die Umstände jedes Lebens und jeder Zelle unseres Körpers. Als seine Kinder sind wir nun nicht mehr hilflos ausgeliefert, sondern dürfen in seinem Plan für unser Leben wachsen, reifen, verändert werden.

 

Sein Opfer befreit uns aus passiver Opferrolle und ruft uns dazu auf, ganz aktiv unseren Körper als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen (Röm 12,1-2). Er ruft heraus aus Selbstmitleid hinein in die Anbetung seiner Herrlichkeit. Seinem Vorbild nach.

Werdet nun Gottes Nachahmer als geliebte Kinder und wandelt in der Liebe, gleichwie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns gegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, zu einem lieblichen Geruch für Gott.

» Epheser 5,1-2

Mein Erlöser, weil Du Dich geopfert hast, will ich Dir beständig das Opfer des Dankes und des Lobes darbringen! Anstatt mich als Opfer zu sehen und mich darum zu kreisen, soll Dein Opfer stets der Mittelpunkt meiner Gedanken und Freude sein. So soll auch mein Reden statt meine Leiden auszumalen, Dein Opfer bekannt machen und erhöhen. So wie es sich gebührt!

 

Danke, dass Dein gültiges, ein für allemal dargebrachtes Opfer, uns nicht nur aus unserem sündigen Egoismus befreit hat, sondern ebenso zu einem aufopfernden Leben befähigt, dass Dich ehrt!

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft!

» 1. Korinther 1,18

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