Hilfsbedürftigkeit
Laura und Martin waren ein Jahr verheiratet, als sich erste besorgniserregende Anzeichen bei ihm bemerkbar machten. Kurze Zeit später stand die Diagnose fest: gutartiger Gehirntumor. Bei der äußerst schwierigen Operation wurden Teile des Gehirns verletzt. Nach weiteren schweren Komplikationen waren alle dankbar, dass Martin überlebt hatte. Doch dann zeigte sich, dass sein Kurzzeitgedächtnis auf 5 Minuten gekürzt worden war. Außerdem würde er vieles neu erlernen müssen, wenn er es denn überhaupt konnte. Auf einmal fand sich das junge, verliebte Paar in einer unangenehmen Hilfsbedürftigkeit wieder. Doch Freunde und Bekannte aus der Gemeinde fingen sie liebevoll auf.
Laura erzählt in ihrem Buch:
„An manchen Tagen fiel es mir schwer, unsere Bedürftigkeit nicht als Zumutung für so viele andere zu sehen. Früher war immer ich es gewesen, die anderen geholfen hatte, und es widerstrebte mir in meinem tiefsten Inneren, so viel Wohltätigkeit von anderen anzunehmen. Aber Gott offenbarte mir durch sein Wort, dass sie uns nicht dienten, weil wir so bemitleidenswert waren. Es ging überhaupt nicht um uns. Diese kostbaren Menschen dienten uns nicht, weil wir es wert waren, sondern weil sie Jesus dienen wollten. (…) Sie waren unsere Brüder und Schwestern in Christus – eine Familie, die ihre Arme um uns schlang, gesandt vom Vater im Himmel, der uns liebt.“
» Laura Story, Selbst wenn du mich vergisst, S.121, SCM Verlag
Das ist eine grundlegend wichtige und wunderschöne Erkenntnis. Leid offenbart, dass wir immer schon als abhängige Menschen gedacht und erschaffen worden sind. „Leid entblößt unsere Schwachheit, unsere Blindheit und unsere fehlende Kontrolle. Leid predigt uns, dass unser Leben ein Gemeinschaftsprojekt ist. Leid erinnert uns daran, dass Gottes Gnade nicht daran arbeitet, unsere Unabhängigkeit voranzutreiben, sondern unsere vertikale und horizontale Abhängigkeit zu vertiefen“, schreibt Paul Tripp, nachdem er selbst durch die Folgen eines Nierenversagen ebenso außerordentlich auf die Hilfe Anderer angewiesen ist.
Einfach ist diese Lektion keineswegs. Deswegen betet Paul Tripp seither jeden Morgen:
„Herr, ich bin ein Mensch, der heute verzweifelt auf Hilfe angewiesen ist. Ich bete, dass du mir deine Helfer schicken mögest. Herr, bitte gib mir die Demut, die Hilfe anzunehmen, wenn sie kommt.“
Vielleicht hilft dir dieses Gebet wie auch mir, die Hilfe von Gott anzunehmen, die er durch seine Helfer leistet. Er hat uns in eine überreiche Hilfsgemeinschaft hineingeboren. Seine Familie hat aufeinander acht und hilft dem, der gerade Hilfe benötigt. Sie predigt uns „das Evangelium des mitfühlenden Verständnisses Gottes und seiner treuen Fürsorge“ in praktischer Form.
Manchmal muss man über seinen eigenen Schatten springen, seinen Stolz der Unabhängigkeit überwinden und um Hilfe bitten, da Hilfsbedürftigkeit oft nicht nach außen hin erkennbar ist. Aus Erfahrung weiß ich, wie schwer diese Bitte fallen kann. Da stecke ich noch in Teil 1 der Lektion fest. So oft bitte ich im Gebet um Hilfe, um gleichzeitig Hilfe von meiner geistlichen Familie von vornherein auszuschließen.
Doch Gott liefert seine Hilfe oftmals Freihaus in den Händen und Füßen unserer Geschwister.
Wir sind niemals allein!
Dem aber, der weit über die Maßen mehr zu tun vermag als wir bitten oder verstehen, gemäß der Kraft, die in uns wirkt, ihm sei die Ehre in der Gemeinde in Christus Jesus, auf alle Geschlechter der Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen.
» Epheser 3,20-21
