Gottes Kraft

In einer Mittagspause saßen eine Kollegin und ich in der beengten Küche zwischen den Büros beisammen. Niedergedrückt rührte sie in ihrem Tee. Das war ein seltener Anblick, denn obwohl sie an zwei chronischen Erkrankungen litt, ließ sie sich ihre Beschwerden die meiste Zeit über nicht anmerken. Doch gerade, wo der aktuelle Schub ihr stark zu schaffen machte, kleidete sie ihre Verzweiflung in Worte.

»Jeden Morgen weiß ich nicht, wie ich den Weg zur Arbeit schaffen soll. Der Stress macht es nicht besser. Und dann muss ich mich noch erklären, wenn ich es nicht rechtzeitig schaffe.«

Ich nickte voller Mitgefühl. Ihre Lage war zur Zeit wirklich prekär. Nur hohe Cortisondosen ermöglichten ihr an der Arbeit zu erscheinen.

»Ich würde gerne sehen, wie die mit solchen Beschwerden zurecht kommen würden…!«, schob sie bitter hinterher. Dann schaute sie auf die Uhr.

»Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker!«, seufzte sie, während sie ihre Tasse in der Spüle abstellte. Die Mittagspause war vorbei.

Mir ging durch den Sinn:

‚Was mich nicht umbringt, macht mich nur härter!‘ –  würde eher zu ihr passen. Ihr Leidensdruck machte sie hart gegenüber sich selbst und noch mehr Anderen gegenüber. Doch was hatte sie für eine Wahl? Ohne Gott musste sie stark für sich selbst sein.

 

Und manchmal tun wir genau dasselbe. Wenn der Leidensdruck steigt, schützen wir uns, indem wir unsere Herzen verhärten um dem Druck standzuhalten. Wir beißen die Zähne zusammen und hoffen dabei, dass der Druck bald nachlässt. „Augen zu und durch“, sprechen wir uns zu. Vielleicht gelingt es uns auf diese Weise eine Zeit durchzuhalten, und schauen plötzlich verächtlich auf jene hinunter, die wegen scheinbaren Kleinigkeiten nachgeben. Unser Herz ist hart geworden. Dann gibt es eine schlechte Nachricht: Gott macht das Starke zunichte. Damit niemand einen Grund zum Stolz hätte. Stattdessen erwählt er das Schwache (s. 1Kor 1,27-29). Das ist die gute Nachricht!

 

Denn Jesus Christus, Gottes Kraft (1Kor 1,24), will für uns stark sein. Er will, dass wir mit all unserer Schwäche und unserer Bedürftigkeit zu ihm kommen. Er will unsere müden Hände stärken und unsere leeren Herzen mit Gnade füllen. Er weiß um unsere endliche Kraft, er gedenkt daran, dass wir nur Staub sind. Er weidet uns auf grüner Aue und führt uns zu stillen Wassern. Deswegen, lasst uns in unserer Schwachheit auf ihn hoffen! Lasst uns auf ihn warten, bis er uns mit seiner Kraft stärkt!

Der ewige Gott, der HERR, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt; sein Verstand ist unerschöpflich! Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Knaben werden müde und matt, und junge Männer straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

» Jesaja 40,28-31

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